Türen, die offenbleiben
Ich, Kurt Schmidt, sitze in der Cafeteria der Herrmann-Schule. Mein ein Kaffee ist kalt geworden. Ich habe vergessen zu trinken. Ein Kurs „Ausbildung zum Alltagsbegleiter“ wird heute verabschiedet. Alle Teilnehmenden haben bestanden. Ich werde in ein paar Minuten als Leiter der Abteilung berufliche Bildung eine Rede halten. Seit 25 Jahren arbeite ich der Volkshochschule unserer kleinen Kreisstadt im Norden Deutschlands. Bald gehe ich in Rente. Ich brauche die Rede nicht jedes Jahr neu zu schreiben. Nach der Rede werde ich an der Ausgangtüre der Aula stehen und die Absolventen verabschieden. Ich habe kein Lampenfieber. Aber irgendetwas ist anders wie die Jahre davor.
Ich spüre es in den Gesichtern der anderen, lese es in der Zeitung und höre es in den Nachrichten. Meine Rede, nicht ablenken lassen!
Da ist Tariq. Er hat immer Unfug im Kopf, Narben, viel zu viele Narben auf seinem Körper für einen 25-jährigen und warme braune Augen. Und Olena ist da. Sie hat seit Wochen nichts mehr von ihrem Mann gehört. Und Xenia ist da. Xenia ist schon 65, lacht immer mit ihren Augen. Sie hat oft Schmerzen.
Ĭch höre mich sagen: „So, ihr lieben Absolventen, ich höre jetzt auf zu reden und gehe zur Eingangstür. Dort händige ich jedem Einzeln seine Urkunde aus und schüttele jedem von euch – voller Respekt – ein letztes Mal die Hand.“
Und dann sehe ich sie alle dort hinausgehen. Es nicht mehr meine Aufgabe, ihnen den Weg zu zeigen.
Dankbar bin ich, für die Dinge, die sie mir zeigten. Und ich bin stolz auf meine Arbeit. Man kann Menschen entmündigen, entmachten und erniedrigen – man kann Menschen aber nie entbilden!
Und dann fällt mir ein, es ist auch Wahlsonntag. Ich gehe ins Wahlbüro.
Nächsten Monat bin ich Rentner. Wie sehr ich mich auf meinen ersten Kurs seit Jahren, in dem ich Teilnehmer bin, freue!
Es ist der Kurs 23-2067: „Internationale Tänze für Anfänger 60 +“.